Die Schulzeitung der IGS Franzsches Feld

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“Tabuthema Babykörbchen”

Tabuthema Babykörbchen „Wer sein Kind in die Babyklappe gibt, der kann doch kein Herz haben,“ so lautet es oft aus dem Volksmund, ohne das dabei die Hintergründe eines solches Vorgehens, die Funktion oder die Wichtigkeit des Babykörbchens beachtet werden. Dass das Babykörbchen existiert und auch gar nicht selten benutzt wird ist den Menschen bewusst. Doch was wirklich dahinter steckt, welche Gründe zu der Entscheidung der Nutzung führen und was mit dem Kind passiert, wenn es einmal in das Babykörbchen gegeben wurde, ist den Wenigsten dabei klar.

Eine Hebamme aus dem Marienstift Braunschweig gibt uns deshalb Antworten auf die verschiedensten Fragen rund um das Tabuthema Babykörbchen. Dabei erklärt sie uns nicht nur, warum es diese überhaupt gibt, sondern auch, wer genau die Klappe nutzt, was mit den Babys unmittelbar nach der Abgabe passiert und wie der weitere Lebenslauf der Babys aussehen kann. Was uns besonders überraschte, waren die vielen Emotionen und verschiedensten Gefühle der Hebamme, die während des Interviews deutlich wurden. Sie scheute sich keineswegs uns diese zu zeigen, während sie uns versuchte näherzubringen, wie ihr Arbeitsalltag rund um das Babykörbchen aussieht.

Jeden Morgen ertönt im Krankenhaus ein Alarm. Ein sogenannter Probealarm, bei dem geprüft wird, ob die Sirene des Babykörbchens funktioniert. Denn im Ernstfall ist das „unangenehme Dröhnen“, so nannte es die Hebamme, entscheidend, ob dem Kind nach der Abgabe in das Babykörbchen schnellstmöglich geholfen werden kann. Denn sobald ein Kind in das Körbchen gelegt wird, ertönt die Sirene und die zuständige Schwester lässt „Alles stehen und liegen“, um schnellstmöglich zu dem abgegeben Kind zu kommen und sich um es zu kümmern. Man wisse ja nie, in welchem Zustand das Kind in der Klappe liege, erklärt uns die Hebamme. „Schnelle Hilfe kann manchmal entscheidend sein, zum Beispiel, wenn die Kinder ganz frisch geboren wurden, unterkühlt oder voll mit Blut in dem Körbchen liegen.“ Sobald das Kind von einer Schwester oder Hebamme aus der Klappe geholt wurde, wird die sogenannte U1 durchgeführt, eine Erstuntersuchung, die normalerweise direkt nach der Geburt eines jeden Kindes durchgeführt wird. Dabei werden die lebenswichtigen Funktionen des Neugeborenen gecheckt, etwa die Atmung oder das Herz-Kreislauf-System, aber auch andere Fakten, zum Beispiel das Gewicht und die Größe des Babys. All dies wird notiert und bei gesundheitlichen Problemen kann ggf. sofort eingegriffen werden. Es sei genau deshalb unfassbar wichtig, die Untersuchung unverzüglich nachzuholen, wenn das Kind im Marienstift abgegeben wurde, erklärt die Hebamme.

Daraufhin erzählt uns die Hebamme von dem Vorgang, den sie persönlich bei jedem abgegeben Kind durchführt. Sie berichtet, dass sie selbst für jedes Kind, welches sie untersucht, eine kleine Kiste zusammenstellen würde, in die sie Schnuller, Kleidung und Lieblingsspielzeuge hineinlegt. Diese soll den Kindern später einmal Trost spenden, wenn sie nicht wissen würden, wo sie herkommen. „Außerdem mache ich immer viel zu viele Bilder von den Babys, das ist mir aber egal, dass es zu viele sind, weil sie sonst ja später einmal keine Bilder von ihren ersten Lebenstagen hätten,“ erklärt sie uns. Zusätzlich schreibe sie einen Brief aus der Sicht des Babys an die neue Mutter oder Familie, die das Kind irgendwann hoffentlich hat. In diesem erklärt sie, an welchem Tag es geboren wurde, wie an diesem Tag zum Beispiel das Wetter war und wie es seinen Weg zu der neuen Mutter gefunden hat. Durch die Kiste und die persönlichen Dinge der Babys, welche sie sammelt, baue sie immer ein enges Verhältnis zu den Babys auf und entwickle einen kleinen Beschützerinstinkt den kleinen Wesen gegenüber. Sie wisse auf der anderen Seite aber auch ganz genau, dass die Babys nach der Abgabe in Sicherheit seien und sie sie deshalb nicht mehr vor irgendetwas beschützen oder verteidigen müsse. Aufgrund dessen habe es sich die Hebamme zu ihrer persönlichen Aufgabe gemacht, die Kleinen gut auf ihrem Lebensweg zu begleiten, sie zu trösten und vor Einsamkeit und späteren Fragen zu bewahren, die später einmal auf sie zukommen könnten. Diese Kiste wird den Babys dann mitgegeben, wenn sie das Krankenhaus nach ein paar Tagen verlassen, um zum Beispiel in eine Kinderklinik, oder ins Kinderjugendschutzhaus zu gelangen, in der/dem sich dann weiter gut um das Kind gekümmert werden kann. Im Anschluss wird sich nach Pflegestellen umgeguckt, oder es wird sich um eine Adoption gekümmert. Hierbei lernt das Baby schon nach zwei bis drei Tagen seine Adoptiveltern kennen und es kann sich aneinander gewöhnt werden, bis alle Formalien erledigt sind und das Kind final adoptiert werden kann. Wenn das Kind aus dem Körbchen rausgeholt und die U1 gemacht wurde, kümmert sie die Hebamme um das Zwischenmenschliche. Sie hat das Gefühl, dass die frisch geborenen Babys, wie es bei dem Babykörbchen oft der Fall ist, „zwischen Himmel und Erde schweben“ würden. Sie erzählt uns, dass sie ganz viel mit den Kindern rede, um ihnen Trost zu spenden und die Verwirrung, die die Babys verspüren müssen, etwas zu legen. Zusätzlich spreche sie auch deshalb sehr viel mit den Babys, um ihnen zu zeigen, dass sie ab jetzt wahrgenommen werden und die ihnen zustehende Aufmerksamkeit bekommen.

Ihr Ziel sei es, die Kinder „auf die Erde zu holen“, und ihnen zu zeigen, dass sie „jetzt sicher sind und nicht traurig sein müssen, weil nun alles gut wird.“ Das erste Gefühl, dass die Hebamme spürt, wenn sie ein Körbchenkind in ihren Armen hält, sei große Dankbarkeit, beschreibt sie. Dankbarkeit, dass sie sich jetzt um das Kind kümmern könne und es sich in sicheren Räumen befindet. Jeder kenne heutzutage die traurigen Geschichten, in denen Babys teilweise auf Raststätten liegen gelassen werden, oder schlimmeres. Deshalb überwiege die Dankbarkeit, dass der kleine Mensch nun in einer geschützten Umgebung ist und es Menschen gibt, die auf ihn Acht geben, führt die Geburtshelfende aus. Außerdem erzählt uns die Hebamme, dass schon ganz viele Babys viel Glück bei ihrer Geburt gehabt hätten, da zum Beispiel die Nabelschnur oftmals zu kurz abgeschnitten wurde und ohne ausreichendes Wissen über Neugeborene gehandelt worden ist. „Dass das Kind lebt und es da ist, füllt dich zu 100% mit Dankbarkeit.“ Trotz der erfüllenden Dankbarkeit, entstehe bei der Hebamme direkt ein Kopfkino, wenn sie ein Kind in dem Körbchen findet. Die Geschichten, warum die Babys nun da sind, würde man zwar nie wissen, aber es würde sich „trotzdem direkt Gedanken gemacht, aus welchen Verhältnissen das Baby kommt, wer es in das Babykörbchen gelegt haben könnte und warum es dort liegt.“ Darüber hinaus beschreibt uns die Hebamme, dass sie ganz intensiv riechen könne und wenn die Kleidung der Kinder zum Beispiel nach Rauch oder ähnlichem rieche, fange ihr Kopf direkt an zu rattern und dann beginnt sie sich Geschichten auszumalen, was mit dem Kind eventuell geschehen sein könnte. Diese Gedanken seien einfach nicht zu stoppen, egal wie sehr man sich vornimmt möglichst professionell und ohne Vorurteile an die Arbeit zu gehen. „Es gibt immer eine Vorgeschichte, doch man wird diese nie wissen und alles wird immer Spekulationen bleiben.“ Auf die Frage, ob sich die Hebamme in die Menschen, die ihre Kinder in die Klappe gelegt haben, hineinversetzen könne, hat sie sehr reflektiert geantwortet. „Erst einmal muss es ja nicht immer die Mutter sein, die ihr Baby in das Babykörbchen legt,“ erklärt sie. Eine Frau frisch nach der Geburt, sei dazu körperlich gar nicht in der Lage. Wenn zum Beispiel der Partner oder die Großeltern das Kind abgeben, könne es zum Beispiel sein, dass die Mutter die Abgabe des Kindes gar nicht erst mitbekommt. In diese Menschen könne sich die Hebamme überhaupt nicht hineinversetzen, aber in eine Mutter, die eine persönliche Entscheidung, aus eigenen Gründen fällt, teilweise schon. Sie könne die Verzweiflung und die großen Ängste verstehen, die Frauen nach der Geburt empfinden, gerade wenn die Vorgeschichte des Kindes oder die Umstände, in welche dieses hineingeboren wurde schwierig seien. Man könne ja nie wissen, wie es überhaupt zu der Schwangerschaft gekommen sei, ob diese zum Beispiel im beidseitigem Einverständnis geschah oder wie die Wohnumstände für die Mutter und das Baby nach der Geburt aussehen könnten. Anders wiederum sei es mit Müttern, Vätern oder andere Beteiligten, denen die Kinder emotional unwichtig sind und die sich aus diesem Grund entscheiden, die Kinder unmittelbar nach der Geburt abzugeben. Diese Personen könne die Hebamme nicht verstehen und sich infolgedessen auch nicht in sie hineinversetzen, da sie der festen Überzeugung ist, dass es jedes Kind verdiene, von Herzen geliebt zu werden und Kinder erstmal grundsätzlich nichts dafür können, wenn Eltern sich nach der Geburt doch unsicher sind, ob das Kind grundsätzlich die richtige Entscheidung war, oder nicht. „Eine Chance hat hier jedes Kind verdient!“ erklärt sie mit Nachdruck.

Im Laufe der Zeit bekomme dann jedes Baby einen eigenen Namen. Dieser werde meistens von der zuständigen Krankenschwester oder Hebamme gegeben, erklärt die Hebamme den Vorgang der Namensgebung. „Diesen Namen können die zuständigen Adoptiveltern später aber auch noch jederzeit nach eigenen Vorstellungen verändern.“ Da das Krankenhaus meistens nicht wisse wann das Baby geboren wurde, wird das neue Geburtsdatum nach Tag und Uhrzeit des Datums festgelegt, an dem der Alarm der Babyklappe ertönte. Mit Nachnamen heißen die Kinder zunächst „Stift“ , da dies der zweite Teil von „Marienstift“ ist, also des Krankenhauses ,in welches das Kind abgegeben wurde. Allerdings handhabe jedes Krankenhaus die Namensgebung von Babys aus der Babyklappe unterschiedlich.

Zusammenfassend konnten wir unfassbar viel für uns aus dem Interview lernen, so viel Neues und Wichtiges. Es sollte nicht voreilig über Menschen geurteilt werden, welche sich aus persönlichen Gründen dafür entscheiden, ihr Kind in ein, aus ihrer Sicht sichereres Umfeld abzugeben. Außerdem ist das System rund um die Babyklappe in Deutschland mittlerweile gut ausgebaut. Den Kindern kann in den Krankenhäusern erfolgreich geholfen und sich für einen guten weiteren Lebensweg gekümmert werden. Niemand kennt die genauen Hintergründe einer jeden Mutter oder Person, die zur Nutzung der Babyklappe und deswegen kann auch nicht voreilig über sie geurteilt werden. Es sollte sich stattdessen in der Gesellschaft mehr auf die Dankbarkeit gegenüber der Menschen konzentriert werden, welche den Neugeboren helfen. Dafür muss die Babyklappe allerdings ihren Status des Tabuthemas verlieren, denn es ist wichtig, dass die Gesellschaft über die Babyklappe informiert und aufgeklärt wird. Nur so kann diese als gute Möglichkeit gesehen werden, Neugeborenen zu helfen, ihr Leben zu retten und sie auf ihrem Lebensweg zu unterstützen.

Lia und Emma, WPB II – Ethik und Glück

(Quelle: https://www.krankenhaus-marienstift.de/medizin/babykoerbchen-vertrauliche-anonyme-geburt)